Marshall GPS Sender
                   Ein Quantensprung?

von DI Stefan Dubbert & Mag. Christian Habich

Nach vielen Monaten der Entwicklung und intensiven weltweiten Praxistests hat der Marktführer für falknerische Telemetrielösungen vor einigen Tagen begonnen, die ersten Produktionsversionen des neuen Marshall GPS Telemetrie Systems an ausgewählte Kunden auszuliefern.

Wie schon bei Einführung des 433 Mhz Systems von Marshall Radio war der ÖFB auch diesmal wieder einer der erste Vereine in Europa, der das neue System einem ausgiebigen Praxistest unterziehen durfte.

Technisch gesehen vereint das Marshall System die seit Jahrzehnten bewährte Lösung der RF (Radio Frequenz) Telemetrie, bei dem der Sender auf einem bestimmten Kanal (bzw. einer Frequenz) einen kurzen Signalton aussendet, der mit einer Richtantenne (auch Yagi Antenne genannt) angepeilt wird, mit dem Vorteil der modernen GPS Technologie. In vier Jahren Entwicklungszeit hat es Marshall Radio offenbar geschafft, die GPS Technologie so zu miniaturisieren, daß sie zusätzlich in das ohnehin kleine Sendergehäuse des bleliebten RT Senders passt.

Der am Vogel befestigte Sender sendet somit nicht nur den herkömmlichen "Pieps" sondern überträgt zusätzlich auch die von ihm empfangenen GPS Positionsdaten per RF Signal. Dieses zweite bzw. Daten RF Signal wird von einem kleinen zusätzlichen Empfänger im Zigarettenschachtelformat empfangen, dekodiert und per Bluetooth für die Handy oder Tablet App bereitgestellt.

Was auf den ersten Blick eher nüchtern und sehr technisch klingt, hat beim Ausprobieren aber sofort so zur allgemeinen Begeisterung geführt: die GPS Daten enthalten nämlich nicht nur die Positionsdaten, sondern auch die Geschwindigkeit, Höhe, Steiggeschwindigkeit, Temperatur und weitere Informationen. Diese Daten werden in Echtzeit mit der ebenfalls von Marshall entwickelten Smartphone bzw. Tablet App verarbeitet, dargestellt und so das ganze System de-facto “Idiotensicher” bedienbar gemacht. Um es anders zu sagen, wir hatten zum Testen weder eine Gebrauchsanweisung noch Einweisung erhalten! Jeder, der schon mal GoogleMaps am Smartphone bedient hat, oder eine Navigations-App am Handy verwendet, kann intuitiv mit der Marshall-App umgehen. 

ÖFB Marshall GPS Testaufbau
Unser Testaufbau war durchaus professionell und ermöglichte
einen sehr aussagekräftigen Praxistest. Getestet wurde eine Woche
lang mit Wander- und Gerfalke, sowie zwei identischen Fliegern
(Höchstgeschwindigkeit über 174 km/h). Wir sind uns sicher, daß
die Flugdaten der Falken, so manche Augen öffnen werden...



Man sieht auf einer Satellitenkarte die eigenen Position und die des Senders bzw. Vogels und weiss damit zu jeder Zeit exakt wo sich der Vogel gerade befindet bzw. mit welcher Geschwindigkeit und in welcher Höhe er sich bewegt. Das Kartenmaterial (Satellitenkarten bzw. Fotos oder normale Karte mit Höhenlinien und Strassen) kann man vorher kostenlos aus dem Internet laden und abspeichern. Dort wo es Empfang für’s GSM Handy gibt, werden die Karten live heruntergeladen - wie bei Google Maps eben.

Man sollte erwähnen, daß grundsätzlich auch andere bereits am Markt befindlichen Systeme mit GPS Funktion existieren und auch funktionieren. Jedoch unterscheidet sich die Marshall Lösung fundamental dahingehend, daß sie einerseits ohne jegliche GSM bzw. eine Mobilfunkverbindung (Netzabdeckung ist ja bei weitem nicht lückenlos) auskommt und andererseits der Sender konkurrenzlos klein ist und trotzdem zusätzlich noch das normale “Piep” Signal aussendet. Man kann also den Sender auch mit seinem bisherigen Empfänger mit der Richtantenne anpeilen, falls der Vogel mal ohne GPS Empfang in einer Abdeckung sitzt oder fliegt. Es gibt auch keinerlei Zusatzkosten (z.B. SIM Karte, oder SAT Benützung) und man kann den Sender, der übrigens mit Batterie genau 9 Gramm wiegt, wie gewohnt via Stoßmontage, Rückenmontage oder Fußmontage verwenden. Letztere sollte natürlich nach Möglichkeit vermieden werden, aber das ist eine andere Geschichte....

Ein weiteres “Killer-Feature” des neuen Marshall GPS Senders ist übrigens, daß man den Sender ganz einfach mit der Marshall App vollkommen drahtlos bzw. auf neudeutsch “over the air” (OTA) innerhalb von einer MInute auf eine andere Frequenz umstellen kann. Damit kann der gewöhnlichen “Piepston” des Senders auf die gewohnte Frequenz im 430-435Mhz Band gelegt werden, die man bisher verwendet hat, während die GPS Daten auf einer seperaten Frequenz an den Pocket Link Empfänger gesendet werden. OTA werden übrigens auch die automatischen Updates der Software von Marshall eingespielt. Dies ist während des Tests sogar einmal passiert. Anscheinend wurde von Marshall irgendeine Kleinigkeit an der Senderfirmware upgedated.

Intuitive Bedienoberfläche der Marshall GPS App (AeroVision)
Die intuitive Bedienoberfläche der Marshall GPS App
(AeroVision), derzeit auf iPhone & iPad verfügbar und
demnächst auch für das Android Betriebssystem.

Was man neben Sender und Pocketlink unbedingt mitbestellen sollte, ist die optionale 1m lange Omni-Antenne für’s Autodach. Im Test war die GPS Reichweite mit dem Pocketlink auf einige Kilometer beschränkt (kommt natürlich auf die geographischen Gegebenheiten an). MIt Omni-Antenne steigt die Reichweite im Flachland auf ca. 50+km. Die Reichweite des normalen “Piep” Signals ist mehr oder weniger identisch zum herkömmlichen RT-Sender von Marshall - wir konnten keinen Unterschied feststellen.

Nach mehreren Wochen Praxistest beim Falkentraining, will man übrigens die Leistungsdaten, die man von jeder Trainingssession erhält (Flugdauer, Strecke, Höhe, Steigrate, Durchschnitts- und Maximalgeschwindigkeit, etc.) nicht mehr missen. Noch nie war es in der Geschichte der Falknerei möglich, objektiv eindeutige Daten über die Leistung eines Beizvogels in Echtzeit zu erhalten. Es lassen sich mit den Daten erstmals für den “gewöhnlichen Falkner” (also den Nicht-Wissenschafter) eindeutige Rückschlüsse von z.B. Temperatur, Futterqualität, Trainingsmethode, etc. auf die Leistungsentwicklung des Beizvogels ziehen - ein absoluter Quantensprung in der Falknerei, wie wir meinen.

Als Extra-Zuckerl lassen sich die Flüge auch in das gängige GPX Format exportieren und z.B. auf Google Earth in 3D darstellen und genau analysieren. Wir vermuten, daß demnächst eine große Anzahl an "Beizflügen" kreuz und quer per Email über den Globus geschickt werden und somit auch für die Wissenschaft ein Fundus an "echten" Daten entsteht, der für die Grundlagenforschung einen unschätzbaren Wert haben wird.

 

Was früher eine Suche bzw. Peilsuche war,
wird mit dem GPS System zur einfachen
Navi-Verfolgung. Der Standort des Vogels
(inkl. Geschwindigkeit, Höhe, etc.) ist bekannt,
man muß also nur noch hinfahren.
Omni-Antenne für's Autodach
Unbedingt empfehlenswert:
Die Omni Dachantenne am
Autodach vervielfacht die GPS
Reichweite.

 
Der Pocketlink GPS Empfänger
Der Pocketlink GPS Empfänger
(hier an der Omni Antenne ange-
schlossen) hat gerade mal die Größe
einer Zigarettenschachtel, wird per
Magnetschalter ein- und ausgeschaltet
und ist quasi unzerstörbar.

Übrigens gab es kurz vor Veröffentlichung dieses Produkttests, die erste echte “Situation” mit dem neuen GPS Sender: Einen Tag vor Abfahrt zum Beizurlaub “mußte” der junge Gerfalke unbedingt nochmals geflogen werden. Im Nachhinein war die bzw. meine (=Christian) Entscheidung, den Vogel bei leichtem Regen und Südföhneinbruch und trotz extrem hoher Kondition fliegen zu lassen - gelinde gesagt - selten verblödet! Es kam wie es kommen mußte, der Falke entschied sich das Federspiel zu ignorieren und schraubte sich innerhalb von Sekunden Richtung Baumgrenze, um sich dort irgendwo im steilen felsigen Gelände abzustellen. Einsetzender Starkregen, entspannte dann insoferne die Situation ein wenig, daß der Falke keine Lust hatte, die Position zu wechseln. Nach Absingen aller existierenden Kraftausdrücke in deutscher und englischer Sprache gefror mir dann gleich nochmals das Blut in den Adern: ich hatte in meiner Hektik doch tatsächlich vergessen, den am Stoss montierten Reservesender (Marshall Micro - Merlinsender) einzuschalten und war jetzt ausschließlich auf den am Rücken montierten GPS Sender angewiesen.


GPS/RT Kombination
Idealkombiniation: GPS auf Rückenmontage
+ RT auf Stossmontage

Dank GPS Signal war die hohe Lärche, die sich der Gerfalke für die Nacht ausgesucht hatte, sofort identifiziert. Genehmigung und Schrankenschlüssel holen für die Auto-Geländeprüfung dauerte dank hervorragender Kontakte zur örtlichen Jägerschaft nur einige MInuten und 30min später war ich auf 1743m Seehöhe angelangt - in vollkommener Dunkelheit und von brunftgeilen (sorry Dr. Barsch) röhrenden Hirschen umringt. Den Trick mit Taschenlampe und Federspiel hatten wir bis dato mit dem jungen Falken noch nicht geübt, also hoffen, daß der Regen möglichst lange anhielt.

Am nächsten Morgen um 5.00h war der Falke noch immer am gleichen Baum. Der Marshall GPS Sender hatte sich mittlerweile in den Notmodus geschalten, bei dem die GPS Position nur mehr alle 15min genommen wird und alle 30sec an den Empfänger gesendet wird. Dies geschieht als Energiesparmaßnahme, damit die Batterie möglichst lange hält. Der normale “Piepston” war wie gewohnt peilbar.

Das “Abholen” des Falken nahm ich dann, faul bzw. modern wie man eben ist, mit dem Modellflieger vom Talboden aus vor: Einmal ca. 200m gerade nach oben geschossen, in die Nähe des Falken hingeflogen und schon war der Falke im Verfolgungsmodus hinter dem Flieger. Den Vogel den Flieger bzw. das daran befestigte Federspiel fangen zu lassen und über einer halbwegs freien Fläche auszuklinken war nur mehr Routine. Die Landung war dann aufgrund der sehr schlechten Platzverhältnisse weniger “routiniert”, aber der Flieger benötigte sowieso schon länger eine neue rechte Tragfläche … Vogel und Falkner befinden sich beim Tippen dieser Zeilen bereits auf der Fähre in Richtung Beizurlaub.

Conclusio Nr. 1: Das Marshall GPS System funktioniert hervorragend und ist der erwartete Quantensprung .

Conclusio Nr. 2: Gegen zeitweilige Blödheit des Falkners (wie in meinem oben beschriebenen Fall...) hilft auch die beste Technik nur beschränkt.

Wir wünschen eine schöne Beizsaison!

Christian & Stefan

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