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(c) Mark Williams 2007


Aus dem Englischen übersetzt von Christian Habich.

Irgendwie kam der Winter gestern mit einer gewissen 'Rache' zurück ins Land – Schneesturm, orkanartige Winde und klirrender Frost. Ich erwachte gestern morgen und konnte mich noch nicht richtig zwischen der naturgewaltigen
Wettersituation und meinem Verlangen beizen zu gehen entscheiden – es sah doch sooo gut aus:  die Sonne schien, es war wolkenlos, ABER : minus 25 Grad Celsius und 12km/h Wind garantierten eine gefühlte 'Arbeitstemperatur' von ca. minus
34 Grad Celsius.
Bei diesen Temperaturen beginnen verschiedenste Dinge, wie z.B. die Telemetrie ihren Geist aufzugeben, ganz zu schweigen von den komischen Geräuschen, die das Auto und die Autotüren machen und dem irritierenden Warnlicht am Armaturenbrett, daß sich der Reifendruck um mehr als 6 lbs verändert hat. Im Hinterkopf kreisten natürlich die Gedanken, daß diese Bedingungen nicht gerade ideal sind, wenn beim Beizen was schief geht und man längere Zeit außerhalb des geheizten Autos verweilen muß. Ich zweifelte ein bißchen, ob ich meinen bis dato total beständigen Gerterzel fliegen lassen sollte.


Wie auch immer, mein Gerterzel wunderte sich, was das ganze Theater in Sachen Kälte so auf sich hatte als ich ihn ins Auto setzte, während mein Wanderfalke aussah, als ob er schon zur Statue gefroren wäre. Ich transferierte ihn noch schnell ins Haus, bevor ich losfuhr. Mein erster Flug sollte auf einem Feld (Anmerkung des Übersetzers: Unter Feld versteht man in Alberta eine Fläche von 10 km2 aufwärts...) stattfinden, das ich schon bei anderen Gelegenheiten beschrieben hatte. Das Szenario war unglaublich schön wie schon bei früheren Flügen auf  diesem Feld, aber nachdem mein junger Pointer einen plötzlichen Haken schlug, während er an einer Witterung vorbeilief, vermutete ich, daß er wahrscheinlich viel näher dran war als er
eigentlich sollte. So entschied ich, den Gerterzel so schnell wie möglich hinauf zu schicken, bevor die Rebhühner vorzeitig aufstehen würden .... FALSCH!

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(c) Mark Williams 2007


Von hier an fing die Sache schiefzulaufen. Mein nicht mehr verhaubter Gerterzel,  der am Autodach saß, startete sofort in den Wind und verfolgte die Rebhühner, die sich entschieden hatten, da mein Hund in ihrem Schlafzimmer stand, eiligst das Weite zu suchen. Es folgt eine horizontale Verfolgungsjagd und ich sehe im Glas kein Aufsteilen des Falken  oder irgendein sonstiges Ergebnis, da sich die Sache schon sehr weit nach  Westen verlagert hat und selbst im Glas fast nicht mehr zu sehen ist. Mit
einem Auge auf den westlichen Horizont gerichtet, entschied ich weiterzumachen und einen neuen Point zu finden.  Mein Hund war sehr ruhig, was bei dieser Kälte ein Wunder war, da er kein wirkliches Winterfell hat, das ihn warm hält. Mein Gerterzel tauchte wieder auf, kam immerzu steigend wieder über uns, um schließlich genau über dem Hund anzuwarten. Ich war
ehrlich beeindruckt, wie er den Hund von so hoch oben genau verfolgte und sich immer perfekt über ihn positionierte, während dieser versuchte, einen weiteren Point zu finden, während ich in meinem Auto am östlichen Ende des Feldes entlangfuhr und die Sache beobachtete – perfektes Sofa- Beizen! Nach 5 Minuten entscheide ich, den Vogel wieder einzuziehen, da sich auch der Hund aufwärmen mußte. Der Motor meiner Kamera sollte jetzt eigentlich 8 Fotos in der Sekunde machen, während ich den Falken auf seinen Steilstoß auf des Federspiel im Teleobjektiv hatte, stattdessen jedoch stotterte er vor Kälte ganz langsam ein
paar Fotos herunter, von denen keines wirklich brauchbar war. Ich fuhr in ein anderes Gebiet.

Es verging ca. eine Stunde, bevor wir die nächsten Hühner fanden. Komischerweise suchten diese das Weite, lange bevor ich oder der Hund auf 300 Meter rankamen. Die Bedingungen an diesem Morgen beeinflußten offenbar auch das Verhalten der Rebhühner und es war ungewöhnlich, daß diese so leicht und früh die Flucht ergriffen. Ich fuhr weiter zum Canola Feld, welches ich in dieser Saison kaum bejagt hatte.  Es ist ein ca. 142 ha großes offenes Feld.
In der Ferne sah ich einen Fleck brauner aufgescharrter Erde im sonst schneebedeckten Feld. Ein kurzer Blick durchs 10x42er bestätigt dies, jedoch konnte ich nicht genau ausmachen, ob 'jemand zu Hause' war. Ich pirschte langsam auf ca. 300m heran, traute mich aber aufgrund der vorangegangenen Erfahrungen dieses Morgens nicht näher zu gehen. Noch immer konnte ich nicht genau erkennen, ob der kleine braune Fleck ein von Rebhühnern aufgescharrter Platz oder nur ein größerer Stein war.
Schlußendlich entschied ich auf Sicht zu fliegen und ließ den Hund im Auto.
Es war erst eine Stunde seit dem letzten Flug und vielleicht doch ein bißchen zu früh für den nächsten.  Ich wußte, der Vogel war etwas launisch, obwohl er 1138 gr wog und er tanzte seit dem ersten Flug eher unentspannt auf seinem Block im Auto
herum. Diesmal entschied der Gerterzel, nennen wir ihn jetzt mangels eines Names 'Mr. Smith', aufs Ganze zu gehen und stieg ins Unendliche. Ich wußte, daß dies ein gutes Zeichen war, aber so jung und voller Energie wie er war, war ich mir nicht sicher, ob er jemals wieder zurück kommen würde!

Glücklicherweise, er war bereits gänzlich außer Sicht, sah ich seine Silhouette hoch am Horizont langsam wieder größer werden, bis er schließlich hoch im Himmel wieder über mir stand.  Uah, das wird jetzt nicht schlecht, dachte ich mir, hoffend, daß die Hühner wirklich 'zu Hause' waren und ich eine solche außergewöhnliche Anwarthöhe auch wirklich honorieren wollte. Ich hatte ungefähr noch 100 Meter bis zum braunen Fleck und ging betont langsam, da der Vogel noch immer genau über mir stieg. Mit einem breiten Grinsen ging ich auf das Stück aufgescharrte Erde zu. Der Himmel war so brillantblau und seine fast unsichtbare weiße Silhouette glitzerte in der Sonne, während er unaufhörlich mit den Flügeln weiterschlug und stieg.

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(c) Mark Williams 2007


Die letzten paar Meter rannte ichlos und eine momentane 'Explosion' von Rebhühnern bestätigte meine Ahnung und belohnte meinen größten Wunsch. Ich reiße den Kopf nach hinten und schaue nach oben. Es sind diese Momente, die einen
für wirklich alles entschädigen! Ich inhaliere förmlich seinen unglaublich langen Steilstoß und sein pfeilförmiges Aussehen, das nochmals an Dynamik gewinnt, als er in die Waagrechte übergeht und den fliehenden Rebhühnern nachjagt. Er bindet ein Huhn, welches momentan unter ihm durchpendelt und irgendwie aus seinem Griff rutscht. Auf wundersame Weise richtete sich das Huhn in der Luft wieder auf und flieht in die Deckung. Ich hatte keine Ahnung wie das alles enden würde, aber ich war vollkommen dem Adrenalinstoß und den Endorphinen ausgeliefert, die durch meine Adern pulsierten. Für mich zumindest
war es aus den verschiedensten Gründen ein absolut unglaublicher Flug, den ich lange nicht vergessen werde. Der Erfolg ist

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Mark Williams - Falkner & Fotograf


nicht immer nur am Tod der Beute messbar und dieser Flug war um so vieles besser als andere, die mit einem Kill enden.

Als ich näher komme sehe ich, wie der Vogel wieder aufsteigt. Er fing das Huhn diesmal nicht und abgesehen von dem Zaun und der Deckung in der Nähe fand ich, daß dieses Huhn sein Überleben mehr als verdient hatte. Also zog ich den
Falken ein, da diesen Flug nichts mehr zu toppen vermocht hätte. Der Falke zeigte einen perfekten Faustappell und kam auf die Faust herunter wie ein anständiger Accipiter und bekam einen vollen Kropf. (Ich bevorzuge meine Falken auf die Faust zu trainieren). Er ist an diesem Tage sehr gut und ausdauernd geflogen und die Temperaturvorhersage für den nächsten Tag war -19
Grad Celsius. Ich plante ihn am nächsten Morgen wieder zu fliegen.

Ich erwog die Beizsaison mit diesem Erlebnis zu beenden, da sie sowieso nur mehr einige Tage  dauert, ich bekomme jedoch nächstes Wochenende Besuch aus England und dieser wäre enttäuscht , wenn ich jetzt Schluß machen würde. Der Countdown bis zum Saisonende läuft also und ich bin sicher, daß ich jede verbleibende Minute davon auskosten werde.

Falknersheil

Mark Williams
Alberta, Canada


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