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Nachdem ich meinen eigenen jungen weißen Habicht dieses Jahr, nach der Tagung des österreichischen Falknerbundes, verloren habe – er ist eine Woche danach an Aspergillose verstorben – war ich wie sich wohl jeder Falkner denken kann total niedergeschlagen und wollte die Falknerei eigentlich aufgeben. War dies ja nicht das einzige Unglück für mich in diesem Jahr.

Lisi auf 'ihrer' Krähe

Im Frühjahr hatte ein Marder mein dreijähriges Finnenweib samt Ei aus der Voliere geholt und obwohl ich weder Federn noch Kampfspuren entdecken konnte hab ich nie wieder etwas von dem Vogel gehört oder gesehen.
In dieser tiefsten Falknerdepression bot mir nun ein Falknerkollege und Freund seinen auf Krähen abgetragenen Habicht an und meinte: „Wende willsch kannst den Vogel eine Zeit lang haben und die Krähenjagd versuchen, der Vogel hat zwar seit über einem Jahr keine Krähe mehr gefangen aber probiers einfach.“
Gesagt getan. Mitte November überlies mir besagter Kollege den Vogel und nach einer einwöchigen Gewöhnungsphase ging es dann das erste Mal auf Jagd, Gewicht 880 g.


Der Jagdflug war nichts besonderes – kein richtiger Ernst hinter der Sache und als ich „Lisi“ wieder einholen wollte begann ein Spießrutenlauf durch halb Villach. Anstatt auf die Faust beziehungsweise das Federspiel beizureiten war es eher ein „freie Folge“ Training durch die  Stadt. Gott sei Dank hatte Lisi einen Sender. Die Verfolgung dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit und dann war plötzlich das Sendersignal weg, „ Leere Batterien“ schoss es mir durch den Kopf während ich zwischen den Hochhäusern herumirrte. „Na toll“ dachte ich mir, „jetzt verlierst womöglich auch noch einen Vogel der gar nicht dir gehört, das fehlt gerade noch!“
Plötzlich läutete das Telefon und Franz auch ein Falkner meldete sich und sagte mir das der Vogel bei Herrn Sowieso in der Straße Sowieso auf dem Balkon sitzt. Ich nahm die Beine in die Hand, läutete bei besagtem Herrn an und war kurz darauf in dessen Wohnung. „Ja ein Vogel sitzt bei uns am Balkon kommen sie nur weiter“ wurde ich äußerst nett empfangen und man zeigte mir den Weg zur Balkontüre. An dieser war das Rollo zur Hälfte herutergelassen, „Soll ich das Rollo raufziehen damit sie leichter drunter durchkommen“ fragte die Frau des Hauses?
„Nein danke und bitte bleiben sie beide hier im Zimmer stehen bis ich den Vogel habe“ sagte ich und war gerade dabei unter dem Rollo durchzusteigen – den Habicht sah ich ca. zwei Meter vor mir am Balkongeländer sitzen, als ich das ratternde Geräusch des Rollos vernahm. Lisi erschreckte sich, strich ab und verschwand in der Dunkelheit. Die Frau wollte mir was Gutes tun damit ich mich nicht so bücken musste und das wars. Der Vogel war weg. Doch nein. Plötzlich sah ich einen Schatten ober mir und tatsächlich, der Habicht kam in völliger Dunkelheit zurück und lies sich zwei Stockwerke höher wieder auf dem Balkon nieder. Wir – Herr Sowieso und ich liefen sofort zwei Stock höher und läuteten an der Tür – Nichts.
„Die Herrschaften die hier wohnen sind manchmal wochenlang nicht da“ sagte der Herr aus der ersten Wohnung.“ Wenn der Teufel Junge hat, dann hat er gleich mehr“ dachte ich mir bedankte mich und ging wieder hinunter auf die Straße um mit dem Fernglas den Balkon nach dem Vogel abzusuchen aber ich konnte nichts erkennen. Was jetzt?? Da konnte ich nicht raufklettern. Das einzige was ich hatte war der Name der Wohnungsbesitzer wo ich den Vogel vermutete den der stand an der Wohnungstüre.
Über hundert Ecken, die ich dem Leser hier ersparen möchte, kam ich schließlich zu der Telefonnummer der Wohnungsbesitzer, rief an und kam nur auf die Mobilbox. Dort hinterließ ich eine Nachricht: meinen Namen, das sich ein Vogel auf dem Balkon befindet, bitte diesen nicht erschrecken und mich zurückrufen. Es war bereits halb acht und stockfinster.
Danach ging ich auf ein Bier – das brauchte ich jetzt auch. Nach über einer Stunde  läutete mein Handy und eine unfreundliche Frauenstimme meldete sich und begann mich alles Mögliche zu fragen, bis sie schließlich total nett meinte:“ Entschuldigen sie bitte aber wissen sie in meine Wohnung ist schon drei Mal eingebrochen worden und ich dachte das ist eine Finte. Ich bin um halb zehn zuhause und dann können Sie ihren Vogel holen!“  Punkt halb zehn war ich vor der Türe des Wohnblocks. Ein äußerst nettes älteres Ehepaar geleitete mich in ihre Wohnung und zeigte mir die Balkontüre. Ich betrat vorsichtig den Balkon, suchte alles ab, kein Vogel weit und breit.
„Der muss aber hier gewesen sein denn die Gießkanne liegt normalerweise nicht so am Boden“ sagte die Dame, versicherte mich noch ihres Mitleids und verabschiedete sich von mir.
Ich fuhr nach Hause, legte mich ins Bett, konnte die ganze Nacht nicht schlafen, machte mir nur dauernd Vorwürfe wegen“ nur einem Sender und alten Batterien“ und war um halb sechs wieder am Ort des vornächtlichen Geschehens. Wieder suchte ich sämtliche Balkone mit dem Fernglas ab – nichts. Da tauchte neben mir eine Gestalt im Dunkeln auf mit einem Federspiel in der Hand. Walter ein lieber Freund war mir zu Hilfe gekommen und wollte mir bei der Suche helfen. Es wurde langsam hell aber der Habicht blieb verschwunden. Wie sich der Leser denken kann wurde mir äußerst mulmig zu Mute – Lisi womöglich weg, wie erkläre ich das meinem Falknerfreund?
Da vernahmen wir lautes Krähengeschrei. Als wir um die Hausecke bogen sahen wir, wie die Krähen meinen Leihvogel Richtung Drau jagten. Wir hinterher und schließlich konnte ich Lisi von einem Baum wieder einziehen und die erste Odyssee hat ein glückliches Ende gefunden.
880 g war also zu viel und ein paar Tage später versuchte ich es erneut mit 860g und da fing Lisi im dritten Anlauf ihre erste Krähe! Ich war begeistert.
Nach einiger Zeit – wir hatten bereits fünf Krähen gebeizt war ich wieder mal unterwegs.  Diesmal mit 870g und zu Mittag.
Nach dem ersten Flug brauchte ich eine halbe Stunde um den Vogel wieder einzuziehen und das hätte mir eigentlich zu denken geben sollen. Aber nein natürlich musste ich noch einen Versuch wagen. Nach einem erneuten Fehlflug scheuchte mich der Vogel fast zwei Stunden lang kreuz und quer durch ein Randgebiet von Villach, sonnte sich zwischendurch und war schließlich hinter einem Bauernhof mit Enten verschwunden. Ich hatte den Vogel schon einmal von einer Henne abgenommen und befürchtete Schlimmes.
Doch diesmal waren beide Sender aktiviert und ich bekam auch genug Signal aber ich konnte den Vogel nicht finden.
Sicher fünfmal umrundete ich den Bauernhof, suchte den Hühnerstall und den Entenstall ab suchte nach Federn im Auslaufgehege der Enten und Hühner aber keine Spur von Lisi.
Seltsamerweise hatte ich bei meinen Runden um den Bauernhof immer am meisten Signal direkt beim Bauernhaus und als ich erneut bei der Haustüre vorbeiging öffnete sich die Türe und eine ältere Bäuerin trat mit einem riesigen schwarzen Hund heraus, der mich natürlich sofort anbellte.
Ich traute meinen Augen nicht! In ihren Händen hielt sie Lisi, meinen Leihhabicht, und sie fragte:“ Gehört der Ihnen? Ich wollte gerade die Telefonnummer anrufen die er an seinen Füßen hat und dann hab ich sie gesehen! Er war auf dem Misthaufen und ließ sich ohne weiteres angreifen. Gekrallt hat er mich auch schon aber das hat nicht weh getan!“
Ich bedankte mich und nahm ihr den Vogel ab und jetzt sah ich erst, daß der Habicht völlig verdreckt war und so richtig gut nach Misthaufen roch. Wahrscheinlich hatte er eine ihrer großen Moschusenten geschlagen und die hat ihn dann quer durch den Misthaufen gezogen und abgestreift. Prost Mahlzeit!
Walter, der wie so oft mit mir mit war konnte sich vor lachen kaum halten. Ende der zweiten Odyssee.
Zuhause gab es für Lisi dann eine Dusche inklusive eine Nacht im warmen Haus und am nächsten Tag belohnte sie mich dafür mit einem tollen Jagdflug.
Mittlerweile konnte ich mit meinem Leihhabicht den 10. Beizerfolg feiern und er wird von mal zu mal besser. Wahrscheinlich auch deshalb weil Lisi jede Krähe behalten durfte. Ich selbst bin nur gespannt, was wohl die dritte Odyssee bringen wird.
Denn wie heißt es so schön:“ Aller guten Dinge sind drei „!
Vielen Dank Michi für die Leihgabe und Walter und Franz für die Hilfe und die moralische Unterstützung!

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