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von  Walter Sprecher

Da ich es in den letzten fünf Jahren nicht geschafft habe einen Wanderfalken auf Krähen einzufliegen, wollte ich es mit einem Habicht versuchen. Nicht, weil ich keine Zeit hatte, sondern weil ich es einfach nicht fertiggebracht habe ein Wanderfalkenweib einzujagen, das regelmässig Krähen fängt. Manchmal wusste ich nicht mehr sicher, ob ich für die Beizjagd tauglich bin. Aber wenn ich etwas anfange, mache ich keine halben Sachen. Ich gebe also nicht auf. Ich hatte ja zwischendurch auch kleine Erfolge. Jemand hat einmal gesagt: „Die Falknerei ist eine Kunst, darum kann es nicht jeder!“
 


Ich bekam also im Sommer 2007 einen Habichtsterzel von Ulf Voss aus Norddeutschland. Es war ein Habicht der Nominatform. Also: Accipiter gentilis gentilis. Diese Vögel sind ziemlich gross und sehr angenehm und ruhig im Wesen. Wie es skandinavische Habichte eben sind. Der Terzel wog etwa 800g als ich ihn bekam. Es war ein schlanker, langer Vogel mit einem sehr langen Start!
Ich hatte eine Riesenfreude an ihm. Endlich einmal richtig beizen! Leider hielt diese Freude nicht lange an. Der schöne Habichtsterzel ist mir nach kurzer Zeit völlig unerwartet an Trichomonaden eingegangen! Ich hatte ihn schon 5 mal frei geflogen! Und am sechsten Abend hatte er plötzlich keine Kraft mehr. Am nächsten Morgen war er tot! Leider hat man überhaupt nichts gemerkt sonst hätte ich etwas dagegen tun könImagenen.
Nun war es aber wieder nichts! Wieder ein Winter ohne Beize! Solche und andere Gedanken, die ich aber lieber nicht veröffentliche, gingen mir durch den Kopf.

Doch dann bekam ich die Möglichkeit einen weiblichen Habicht von Christian Schmid für diese Saison zu fliegen. Der Habicht ist im zweiten Flug. Im ersten Jahr wurden zwei Hasen gebeizt, und sonst nur freie Folge und Appellflüge gemacht. Der Habicht wurde aber sehr gut abgetragen. Doch der Erfolg begann noch nicht hier!
Dieses grosse Habichtsweib wurde auch von Ulf Voss gezüchtet, also auch finnischen oder einfach nordischen Ursprungs. Gewaltige Hände, einen so langen Start wie ich ihn noch nie bei einem Habicht gesehen habe und ganz schön gross! Das waren meine ersten Eindrücke von ihr. Sie wog 1050g. War also schon stark vom Gewicht genommen.
Mit diesem Riesenvogel fängst du keine Krähen! So die Aussage eines Krähenfalkners. Naja, ich wusste ja selber nicht, ob dieser grosse Habicht Krähen fängt. Aber ich habe Zeit um es herauszufinden. Es ist mein erstes Habichtsweib.
Als ich sie ganz am Anfang auf der Faust hatte, ging mir immer wieder der Name Wilma durch den Kopf. Und dabei sollte es auch bleiben.
Wilma war vom ersten Tag an sehr locke. Um sie aber ein bisschen fit zu machen und an mich zu gewöhnen, habe ich sie senkrecht vom Sprenkel zur Faust springen lassen. Am dritten Tag machte sie schon 60-70 Sprünge. Der Stoffwechsel war auch angeregt. Nach zwei weiteren Tagen Atzen am Federspiel, fuhr ich mit ihr am 27.September 2007 ins Feld. Haube weg! Ein paar Sekunden guckte Wilma um sich. Doch dann startete sie mit einer für mich unglaublichen Wucht von der Faust. Zuoberst in einer alten Esche baumte sie auf. Aber sie stand so schnell wie sie gestartet war wieder bei mir auf dem Federspiel. Und sie hatte auch weiterhin einen unglaublichen Federspielappell. Das Gewicht lag während des ganzen Einfliegens bei 1000-1050g. So machte ich auch längere Spaziergänge, bei denen mich Wilma gerne begleitete. Ich konnte auch weit ins offene Feld hinaus gehen und sie kam meistens sofort. Der Appell ist wirklich unglaublich! Auch das Verhalten dieses Habichts war für mich neu. Ein so ruhiges Wesen hatte ich zuvor noch nie bei einem Habicht gesehen.t einer für mich unglaublichen Wucht von der Faust. Zuoberst in einer alten Esche baumte sie auf. Aber sie stand so schnell wie sie gestartet war wieder bei mir auf dem Federspiel. Und sie hatte auch weiterhin einen unglaublichen Federspielappell. Das Gewicht lag während des ganzen Einfliegens bei 1000-1050g. So machte ich auch längere Spaziergänge, bei denen mich Wilma gerne begleitete. Ich konnte auch weit ins offene Feld hinaus gehen und sie kam meistens sofort. Der Appell ist wirklich unglaublich! Auch das Verhalten dieses Habichts war für mich neu. Ein so ruhiges Wesen hatte ich zuvor noch nie bei einem Habicht gesehen.

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Wilma und das Jagen

Nun wollte ich aber bald wissen wie sie auf Wild reagiert. Wann fängt sie die erste Rabenkrähe? Oder wie weit jagt sie? Krähen habe ich ja genug hier im St.Galler Rheintal an der Grenze zu Liechtenstein und Österreich.
Gesagt getan! An das Auto hatte ich Wilma von Anfang an ein wenig gewöhnt. Ich fuhr also mit Wilma auf der Faust durch die Reviere. Es dauerte aber nicht lange bis ich ein paar schwarze Gesellen nahe einem Feldweg fand. Ich konnte fast anhalten neben den unwissenden Krähen. Das Fenster war schon offen. Ich nahm Wilma die Haube ab und war gespannt was passieren würde! Die Habichtsdame schaute mich an und dann aus dem Fenster. Sie äugte aber eindeutig zu dem Waldstreifen 100m hinter den Krähen. Diese flogen allmählich auf und Wilma hinterher. Oder doch nicht? Sie flog durch die Krähen hindurch als wären diese gar nicht da! Zielstrebig nahm Wilma diesen Waldstreifen an und stellte sich in die höchsten Pappeln. Das war wohl nichts! Aber das kommt schon, dachte ich.
Die folgenden Tage aber waren genau gleich. Manchmal flog Wilma nicht einmal aus dem Auto! Warum auch,wenn der Futterlieferant auch im Auto sass.
Ich musste also etwas anderes versuchen. So habe ich einige Krähen geschossen. Als erstes bekam sie eine solche zum Aufatzen. Zwei Tage später setzte ich mich mit Wilma ins Auto und meine Freundin musste als Krähenwerferin herhalten. Nützte aber alles nichts! Ausser wenn ich so eine tote Krähe als Federspiel benutzte, kam Wilma sofort wie gewohnt.
Ich glaube, dass es einen Einfluss hat, dass der Habicht im ersten Jahr fast nur auf Federspiel und Faust geflogen wurde. Deshalb kommt Wilma aus 200m Entfernung sofort auf das Federspiel! Aber mit lebender Beute weiss sie nichts anzufangen.
Ich habe es ja nicht nur an Krähen versucht! Ich ging auch einige Male auf Stockenten. Bis auf 5-6m bin ich einmal zu Fuss an ein paar Stockenten herangekommen! Wilma zuckte auch zusammen als diese das Weite suchten. Es sah fast aus, als hätte sie fragend mit den Schultern gezuckt: Was ist das?
Öfter stellte ich sie über den Enten in einen Baum. Von solch optimalen Warten aus sah Wilma den Enten jedesmal zu, wie sie unter ihr durch flogen. Wenn diese dann ausser Reichweite waren startete sie regelmässig noch zu einem halblustigen Hinterherfliegen. Also Jagen konnte man das nicht nennen.
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In der Zwischenzeit habe ich mit Ulf Voss gesprochen. Ich wollte wissen wie seine grossen weiblichen Habichte auf Flugwild sind. Sehr gut! War die Antwort. Ausser das noch niemand ein solches Habichtweib gewollt hätte, um damit Krähen zu beizen.
Ulf sagte aber auch, dieses Weib sei doch schwerer! Ich soll doch einmal herausfinden wie hoch ich mit dem Gewicht gehen könne. Das war wohl mein Fehler. Aber ich wusste es nicht besser.
So habe ich in den nächsten Tagen das Gewicht schrittweise erhöht. 1150g und Wilma kam immer noch aus den gleichen Entfernungen spontan zurück. Gejagt hatte sie deshalb aber immer noch nicht. Also, am Gewicht konnte es nicht liegen. Sie verhielt sich eigentlich immer gleich, bei hohem und tiefem Gewicht. Das heisst, im Feld sehr ruhig und überlegt!
Einmal sah ich eine einzelne Krähe nur ca. 20m im Acker sitzen. Wilma flog direkt auf sie zu und eben so direkt über die Schwarze hinweg! Die Krähe blieb aber sitzen! Auch als ich ausstieg! Langsam ging ich auf sie zu. Sie flog auf und nach ein paar Metern fiel sie auf den Acker. Das passierte noch 2-3 mal. Und nach einem hundert Meter Spurt und einem Sprung zwischen die Kohlreihen, hatte ich die Krähe selber gefangen.
Das darf ich ja keinem erzählen! Mein Habicht sitzt im Baum und schaut zu wie ich die Krähen selber fange! Das waren in etwa meine Gedanken als ich zum Auto zurück ging.
Nun war es schon Anfang November und Wilma jagte immer noch nicht. Ich war fast jeden Tag mit ihr im Feld, aber nichts tat sich. Es war zum Verzweifeln!


Jetzt aber….

Nun kam aber dieser Donnerstag, der 8. November 2007. Ich dachte, es wäre gut für Wilma wenn zwischendurch ein Fremder mitkäme. Also kam Fredi Bühler, ein Hobbyornithologe, mit uns ins Feld. Wir fuhren um ca. 14:00 Uhr los. Ich sagte zu ihm, wir machen freie Folge mit dem Habicht. Jagen will der leider nicht! Als wir in meinem „Spaziergelände“ ankamen, sassen genau da, wo ich immer mein Auto parkiere, etwa 10 Rabenkrähen.
Die vertreiben wir erstmal, sagte ich. Also fuhr ich an ihnen vorbei und ausser Sicht wendete ich. Ich nahm Wilma mit 1170g auf die Faust und fuhr in Richtung Krähen. Als wir fast bei den Schwarzen waren, startete Wilma. Und sie flog wie immer durch die auffliegenden Krähen hindurch. Doch was passierte! Die hinterste, allerletzte Krähe wurde von Wilma in der Luft gebunden, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht! Ich habe zwei, drei mal hingesehen bis ich glaubte, dass „meine“ Wilma auf einer Krähe stand! Das sieht aber einfach aus! Meinte mein Begleiter. Ich habe ihm dann ausführlich erklärt, was für eine Arbeit es war bis zu diesem Moment. Nachdem Wilma die ganze Beute kröpfen durfte, waren zwei Tage Pause angesagt.
Von dieser ersten Krähe an lief es schon viel besser. Wilma jagte manchmal nicht, aber immer öfter scharf an. Wenn mehrere Krähen im Feld sassen, hatte sie fast immer die Hintersten angejagt! Das habe ich bis jetzt nur bei einem Finnenterzel gesehen.
Aber die Krähen haben den grossen Habicht mit ihren Schwüngen, Haken oder sich fallen lassen oft ganz schön alt aussehen lassen. Vor allem wenn sie noch am Auffliegen waren, liessen sie sich gerne einfach wieder fallen. In solchen Situationen schoss Wilma sehr oft darüber hinweg und landete unsanft am Boden. Die schlaue Krähe startete natürlich sofort in die andere Richtung. Wilma setzte am Anfang niemals nach.
Die fünfte Krähe beizte ich erst am 3. Dezember. Bis dahin hatte Wilma ihre liebe Mühe mit den wendigen Schwarzfräcken.
Aber von diesem Tag an ging ich selten ohne Beute in der Tasche nachhause. Die ersten paar gebeizten Krähen sassen wirklich nahe an den Strassen. Aber ich wollte, das Wilma mein System begriff: Krähe gefangen = voller Kropf! Und das hat auch funktioniert. Irgendwie musste ich sie ja zum Jagen motivieren. Von dieser fünften Beute an war sie das schon sehr!
Etwa von der sechsten an habe ich Wilma an weiter sitzende Krähen gebracht. Und sie jagte auch diese sehr rasant an. Sie hatte sogar solche, die 40-50m von der Strasse waren besser im Griff, als vorher die ganz nahen! Die schönen Flüge waren natürlich auch die weiten. Wenn ich mit entsprechender Geschwindigkeit fuhr, jagte sie bis ca. 80m weit sitzende Rabenkrähen sehr gut an. Solche hat Wilma einige gefangen. Oft waren es aber Fehlflüge. Deshalb aber nicht weniger interessant!
Gemessene 50m sind nämlich ganz schön weit. Falknerische dagegen können sehr variieren. Ich fahre beim Beizen fast immer an einem 50m Schiessstand vorbei. Ich glaube ich konnte mir diese Distanz den ganzen Winter lang gut einprägen. Es gibt viele Habichte, die auf diese Distanz nicht mehr jagen.

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Ein paar interessante Flüge

Einen sehr guten Flug hatte ich bei einem nicht ganz abgeernteten Maisfeld. Ein Schwarm von etwa 30 Krähen suchte im hintersten Teil des Ackers nach Fressbarem. Zum Glück an einer geraden Strasse. Ich konnte also gut mit 80km/h anfahren. Wilma schoss mit diesem hohen Tempo auf die Krähen zu. Diese verhielten sich diesmal sehr unkontrolliert. Viele flogen auf und einige drückten sich auf den Boden als der Habicht sie erreicht hatte. Wilma aber wollte wie so oft, eine der hintersten! Sie jagte durch den Schwarm hindurch und wollte eine der letzten greifen. Diese liess sich aber fallen wie ein Stein und landete unsanft auf dem Acker. Aber Wilma nahm das ganze Tempo mit in ein senkrechtes Aufsteilen, das ich so hoch noch nie bei ihr gesehen hatte.
Auf dem höchsten Punkt kippte sie ab wie ein Falke und stiess mit geschlossenen Schwingen hinter der Krähe her. Diese war wieder aufgeflogen und wollte sich in die entgegengesetzte Richtung retten. Doch sie wurde im rasanten Stoss von Wilma mitgerissen und zu Boden getragen. Das war ein sehr beeindruckender Flug. Fast wie von einem Falken.
Einmal wollte Wilma sogar einen Looping machen. Allerdings war sie nicht sehr hoch in der Luft und landete sehr unsanft auf dem Boden. Getan hat sie sich aber nichts. Sie guckte nur sehr verdutzt zu mir herüber.

Interessant war auch die Krähe vom 21. Dezember! Diese hatte sich so ganz anders verhalten als alle anderen. Ich glaube es flogen 4 Krähen auf als Wilma aus dem Auto startete. Doch eine fünfte blieb am Boden. Sie drehte sich zum nahenden Habicht, öffnete die Flügel leicht und stellte sich sehr aufrecht hin! Wilma aber flog mindestens einen Meter neben der Krähe, auf sie zu. Ich dachte schon, sie fliegt an der mutigen oder der irren Krähe vorbei! Aber ich lag falsch! Als Wilma auf Höhe der Krähe war machte sie einen Haken und schlug sie von der Seite. So schlägt Wilma oft das Federspiel. Diese starke Krähe hatte schon einige Jahre hinter sich. Sie wog 580g.

Am 28. und 29. Dezember 2007 waren Kurt Fessler und ich bei Pierre und Christine Basset am Genfersee eingeladen. Bei schönstem, kaltem Wetter beizten wir im Kanton Waadt nördlich des Genfersees. Am ersten Tag hatte ich mit Wilma 5 Flüge. Die ersten vier waren Fehlflüge. Auch solche Tage sind nicht aussergewöhnlich. Es ging sich bei sehr vielen Fehlflügen so knapp nicht aus, dass ich wage zu behaupten: ein Terzel hätte noch gefangen. Ich meine, dass Wilma wegen ihrer Grösse einige Erfolge verwehrt blieben. Sie wäre ein idealer Hasenhabicht!
Am zweiten Tag bei Bassets lief es aber anders. Wir fuhren etwas weiter bis an den Rand des Jura. Als wir ankamen machte ich mich gleich „beizbereit“. 3 Minuten später hatte Wilma schon eine Krähe in ihren Fängen. An diesem Nachmittag nahm ich ihr die Krähe ab um noch eine zu beizen. Das habe ich vorher erst einmal gemacht. Danach folgte ein Fehlflug. Interessant war dann aber der dritte Flug. Eine einzelne Krähe war etwa 40m weit auf einer Wiese. Sie flog auf, sobald Wilma aus dem Auto war. Sie kam sehr schnell gerade hinter die Krähe. Und diese flog auch schnurgerade weiter. Wilma segelte die letzten 2 Meter ohne Flügelschlag zur Krähe hin und pflückte diese wie einen Apfel aus der Luft. Von diesem Tag an habe ich, wenn der erste Flug gleich mit Beute endete, eine zweite gebeizt.

So auch am 6. Januar 08. Ich beizte bei Kurt Fessler. Marcel Nicht war mit seinem Habichtsterzel auch mit von der Partie. Er beizt wie Kurt in Vorarlberg auf Krähen. Also zwei Habichte und Kurts Wanderfalke „GPS“ im ersten Flug. Gegen 10:00 Uhr fuhren wir los. Ich machte bald den ersten Flug. Und der endete mit einer alten Krähe in der Tasche. Als nächstes warf Marcel seinen Terzel an eine Krähe die dicht bei ein paar Bäumen stand. Der Habicht wollte aber noch nicht so richtig jagen.
Kurze Zeit später machte ich den zweiten Flug. Gebeizt! Weil wir gerade zusammen am Beizen waren, entschloss ich mich noch mal zu fliegen. Zuerst aber war Marcel an der Reihe. Doch sein Terzel wollte immer noch nicht. Also waren Wilma und ich wieder am Zuge. Wir sahen bald 3 Krähen neben einer Seitenstrasse nach Futter suchen. Im Hintergrund standen zwei oder drei alte Apfelbäume. Ich fuhr also diese Strasse entlang und nahm Wilma die Haube schon früh ab. So startete sie etwa 45° nach vorne. Wilma nahm wieder einmal mehr die Schwarze, die am weitesten weg war aufs Korn. Diese stürmte natürlich auf einen der Apfelbäume zu. Dicht gefolgt vom Habicht. Diese Rabenkrähe kam allerdings auf besondere Weise zur Strecke. Entweder schaute sie im falschen Moment auf ihren Verfolger oder sie war sehr kurzsichtig! Sie donnerte nämlich mit voller Geschwindigkeit in den Stamm des Baumes! Benommen fiel sie zu Boden. Wilma konnte im letzten Moment dem Stamm ausweichen und stand nun auf der anderen Seite am Stammfuss. Eine oder zwei Sekunden lang passierte gar nichts. Beide Vögel standen überrascht da. Aber ein Augenzwinkern später machte Wilma einen Hüpfer um den Stamm und die dritte Krähe war gebeizt!
Später hat Marcel auch noch zwei, und Kurt eine Krähe gebeizt!
Leider musste ich am 14. Januar die Beizjagd für 3 Wochen unterbrechen. Bis dahin hatte ich 33 Rabenkrähen gebeizt.
Ich glaube, diese Pause hat Wilma sehr gut getan. Ich wollte also noch bis Ende Februar weitermachen. Am 7. Februar hat Wilma mit 1220g die erste Krähe nach der Pause gefangen. Die Krähen sind sehr gut auf den Schwingen zu dieser Zeit. Aber Wilma hatte einen unglaublichen Willen beim Jagen.
Am 21. Februar sass eine einzelne Krähe weit hinter einem Wassergraben, der entlang der Strasse verläuft. Das wird ein weiter Flug, dachte ich. Ich fuhr mit hohem Tempo an und Wilma flog leider etwas spät aus dem Auto. Sie war aber trotzdem schnell an der Krähe, aber diese trickste „meinen“ Habicht aus! Wilma stiess also vorbei. Einen zweiten Stoss gab es diesmal nicht. Sie ging wie immer in ein sehr langsames Schweimen über. Ich glaube, das machen nur die Nordländer so ausgeprägt! Denn dieser Flugstil ist manchmal so langsam, dass ich schon dachte, die fällt gleich vom Himmel. Wilma hatte also schon einen Ring geflogen, als sie plötzlich unheimlich beschleunigte und in einen sehr schnellen Jagdflug überging! Ich wusste erst warum, als es zu spät war. Ein Stück weiter oben stand im Wassergraben ein Graureiher. Dieser konnte gerade kurz auffliegen, und schon wurde er von Wilma gebunden! Beide fielen ins Wasser! Ich war sehr überrascht! Sie hatte noch nie etwas anderes als Krähen angejagt. Leider war der Graureiher, auf Grund der Verletzungen am Hals, nicht zu retten.
Auch den weitesten erfolgreichen Flug hatte sie Mitte Februar. Diese Krähe war bestimmt nahezu 100m weit von einer Schnellstrasse entfernt. Ich fuhr die Situation mit fast 100km/h an. Bei solchen Entfernungen muss ich die Haube etwas früher abstreifen. Der Habicht braucht einen Augenblick länger um die Beute zu fixieren. Wilma startete aber früh genug, dass sie das ganze Tempo mit in den Flug übernehmen konnte. Auch das muss ein Habicht lernen. Mir kam der Weg bis zur Rabenkrähe sehr lange vor. Diese bemerkte den Jäger erst als dieser schon etwa einen Drittel der Strecke zurückgelegt hatte. Dann aber versuchte die Schwarze fast senkrecht zu steigen. Doch Wilma band sie ohne einen Schwenker zu machen! Ich meine die Krähe konnte vielleicht in dem Moment keine grossen Ausweichmanöver machen, weil sie so extrem hochstieg. Als ich bei Wilma ankam, sah ich etwas was es, so glaube ich, sehr selten gibt! Sie hatte die Krähe am Rücken gebunden! Kopf und Schwanz wurden von den grossen Händen des Habichts auf dem Rücken der Rabenkrähe festgehalten. Sie war sozusagen zusammengefaltet. Normalerweise drehen sich die wehrhaften Krähen in letzter Sekunde dem Angreifer zu, um diesen zu beissen oder mit den Füssen festzuhalten. Sie wollen auch nur überleben.


Resumee

Zum Schluss möchte ich die beeindruckenden Eigenschaften von Wilma nicht verschweigen.
Wenn sie nicht immer freiwillig von der Beute auf meine Faust gesprungen wäre, hätte ich niemals mehrere Krähen am Tag gebeizt. Aber sie hat kein einziges Mal gemantelt und sprang meist nach einer Minute Rupfen auf meine Faust. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich bestimmt nicht mitte Februar in drei Tagen 8 Rabenkrähen gebeizt mit ihr! Ab Februar begrüsste sie mich sogar mit eifrigem Balzen wenn sie auf Beute stand. Sie hat auch nie geschlagen. Ja nicht mal auf der Faust zugedrückt. Das Verhauben geht bei Wilma besser als bei manchen Falken. Beim Einfliegen ist sie aus unglaublichen Entfernungen auf das Federspiel gekommen. Als sie dann immer besser gejagt hatte, liess der Appell ein bisschen nach. Aus 150m Entfernung kommt sie aber immer noch prompt! Das habe ich bis jetzt noch nie bei einem Habicht gesehen. Eher umgekehrt. Wie der Falkner den Habicht holt.
Der Flug von Wilma hat fast etwas Adlerartiges. Bei Fehlflügen geht sie sofort in einen sehr langsamen Flugstil über. Sie fängt dann an Ringe zu fliegen. Steigt manchmal 30 oder 40m hoch. So flog sie auch über Bäume hinweg, nicht hindurch wie es unsere einheimischen Habichte tun. Hier im Rheintal bläst der Föhn sehr oft. Bei diesem Wind war es ein Schauspiel Wilma beim Fliegen zu beobachten! Noch besser aber war es bei Sturm. Dann flog sie noch höher und oft auch einige Krähen, die auf sie hassten. In solchen Situationen hakte sie oft nach den Schwarzen, indem sie sich auf den Rücken drehte. Wenn ich sie dann einholte, flog sie mich immer so an, dass sie gegen den Wind zu mir kam. Beim grössten Sturm flog sie an mir vorbei drehte dann und kam 50m gegen den Wind ohne einen einzigen Flügelschlag auf das Federspiel!  Beim Jagen machte sie von Januar an öfter 2, selten 3 Stösse  auf die wendigen Rabenkrähen.
Ich habe schnell gemerkt, dass Wilma anders ist als unsere mitteleuropäischen Habichte. Ich sage nicht, dass unsere schlechter  sind! Diese Nordländer sind einfach anders. Und ich konnte, glaube ich, ganz gut mit diesem „Anderssein“ umgehen. Wilma und ich waren eine Saison lang ein gutes Team.


Jetzt ist der 29. Februar 2008. Ich habe heute die 53. und letzte Rabenkrähe für diese Saison gebeizt! Ich kann nun auf meinen besten Winter als Beizjäger zurückblicken. Und das mit einem Habicht, der einigen Falknern ein schon fast spöttisches Lächeln entlockte. „Weil Wilma doch zu gross ist für Krähen.“
Aber ich hatte die Zeit um es herauszufinden. Und ich weiss es jetzt. Auch ein 1200g Habicht fängt Krähen! Und ich glaube, Habicht und Falkner haben viel gelernt.
Und nun freue ich mich schon auf den nächsten Herbst! Wenn ich vielleicht mit einem Terzel derselben Zucht wieder Interessantes erleben kann!

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