Josef Hiebeler

Die künstliche Besamung von Greifvögel

Eine kurze Zusammenfassung über die Notwendigkeit bzw. eine Einführung in die künstliche Besamung in der Falknerei.

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Fachgerechte Insemination

 

Was bei Nutztieren schon seit den 50er Jahren zur Normalität gehörte, war für die Falknerei völliges Neuland. Vögel unterscheiden sich auch wesentlich vom Säugetier, da sie von den Reptilien abstammen und deshalb ihr Sperma bis heute nicht gelagert werden kann.

Über die Notwendigkeit der künstlichen Besamung muss ich ein wenig ausholen. Vor allem wurde sie ausgelöst aufgrund der neuen Gesetzgebung von Naturschutzbehörden in Europa wegen des starken Rückgangs der Greifvögel, insbesondere des Wanderfalken, der durch Einsatz gefährlicher Umweltgifte wie z. B. DDT, in manchen Gebieten völlig verschwunden war. Es ist naheliegend, dass in dieser Situation kein Verständnis für die Falknerei, bzw. der legalen Aushorstung von Greifvögeln zum Zwecke der Beizjagd bestand. In dieser prekären Situation schien das Aus für die Falknerei besiegelt.

Einigen wenigen Enthusiasten, ganz vorne Prof. Dr. Christian Saar mit seinem Mitarbeiter Dr. Dirk Gerriets, und der Cornell University (USA) unter der Leitung von Prof. Dr. Tom Cade ist es zu verdanken, dass in der Greifvogelzucht die künstliche Insemination zur Normalsache geworden ist, wenn die aufwendige Technik beherrscht wird.

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Herausforderung auch für Adlerexperten

Begonnen hat alles in den Siebziger Jahren. Die Falkner wurden als unglaubwürdig belächelt. Ornithologen und manche Zoologen qualifizierten die künstliche Besamung als Hirngespinst ab.

Ich erinnere mich noch gut an eine große Internationale Naturschutztagung in Augsburg/Bayern, wo es um den Fortbestand oder ein völliges Verbot der Falknerei ging. Diese Tagung war hochkarätig besetzt. Sämtliche Naturschutzbehörden Deutschlands, Zollverwaltungen, WAA Österreich, Deutschland usw. aber auch WWF, Dr. Hans Frey, Prof. Dr.Dr. Festetics, Prof. Konrad Lorenz und meine Wenigkeit als Falknervertreter des Bayrischen Landesjagdfalkenhofs Schloss Rosenburg (Riedenburg/Bayern) waren vertreten. Ich kam mir damals sehr elend vor, da keiner der Fachexperten an die Greifvogelzucht in Gefangenschaft (Menschenhand) glaubte, erst recht nicht an die künstliche Besamung. Die einzigen Befürworter für meinen Vortrag waren Horst Niesters und kein Geringerer als der Nobelpreisträger Prof. Konrad Lorenz. Er hat mich als einziger verstanden, da er mit Tier/Menschbeziehungen, Fehlprägung, Bi-Prägung etc. vertraut war. Und es ist auch nur über diesen Prägeweg möglich, kontinuierlich von einem Männchen Sperma zu bekommen, bzw. ein Weibchen zur stressfreien Eiablage zu bringen. Prof. Konrad Lorenz und ich korrespondierten bis zu seinem Tode in der Sache Greifvogelbesamung und über die Prägung auf den Menschen als Partner.

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Jedes Ei wird vermessen und gewogen

Die meisten Zoo-Nachzuchten waren damals und sind teils heute noch immer nur Zufall. 

Ich selbst hatte die Möglichkeit in den 80er Jahren einige Wochen an der Cornell-University, die damals in der künstlichen Besamung weltführend war, unter sehr aufgeschlossenen Falknern und Mitarbeitern der Universität, die Greifvogelbesamung zu lernen, bzw. neue und auch viel praktischere Methoden kennenzulernen, als sie allgemein in Deutschland bekannt waren. Ich habe meine Erfahrung an viele Kollegen weitergegeben, was rückblickend heute manchmal auch ein Fehler war.

In Österreich kannte man nur spärliche und wenig erfolgversprechende Methoden der künstlichen Besamung von Greifvögeln. Hier in Österreich war die erfolgreiche Adlerbesamung ein Meilenstein in der modernen Reproduktionstechnik.

 

Auszug aus der Besamungstechnik:

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Eingespielte Teams sind eine Voraussetzung

Es gibt große Unterschiede bei der Greifvogelbesamung unter den Arten, zum Beispiel ist ein Falke leichter zu besamen als ein Habicht. Bei Steinadler und Kaiseradler kommt es wieder auf andere Kriterien an um überhaupt erfolgreich zu sein. Dazu kommt noch, dass die Möglichkeit und der Spielraum einer Befruchtung sehr eng sind, da Großgreifvögel nur wenige Eier legen. Ein bis zwei Eier sind normal, bei guter Stimulation und richtiger Futterqualität, genau auf die Eiproduktion abgestimmt, ist es möglich im besten Fall bis zu fünf Eier zu bekommen.

Die Samengewinnung ist vom richtigen Handling abhängig und von Vogel zu Vogel verschieden. Es gibt aber auch Vögel (Männchen wie Weibchen), die für die künstliche Besamung nicht geeignet sind, z. B. bei unregelmäßiger Eiablage oder Abbruch der Eiablage. Auch der Sperma-Vogel ist eine Glückssache. Spermaqualität, langlebiges Sperma, bzw. Sperma, das auch bei Weibchen greift bzw. aufgenommen wird, sind Voraussetzungen für eine erfolgreiche Besamung. Es sind heute verschiedene Massagen bekannt, die zur Spermagewinnung eingesetzt werden können, wobei der Vogel vorher an die jeweilige Technik gewöhnt wird. So ein Vogel wird oft schon Wochen vorher mit viel Geduld und enormen Zeitaufwand auf die Spermagewinnung vorbereitet. Das Sperma wird nach jeder Abnahme mikroskopisch untersucht, um die Qualität festzustellen.

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Samenkotrolle unter dem Mikroskop

Die Übertragung auf das Weibchen erfolgt dann wieder mit einem geübten Handling mit Hilfe eines Spekulums, bzw. wer gute Übung, vor allem viel Gefühl und auch genügend Anatomiekenntnisse hat, schafft es auch ohne Spekulum. Die Samen-Übertragung beim Weibchen muss unbedingt vom erfahrenen Spezialisten erfolgen, denn man kann sehr schnell eine Kloakenverletzung oder noch schlimmer, eine Eileiterverletzung, bzw. einen Eileitervorfall herbeiführen. Letzteres führt in den meisten Fällen zum Tod des Vogels.

Es gibt viele Möglichkeiten die künstliche Besamung anzuwenden. Zum Beispiel man hat ein Falkenzuchtpaar, geprägt oder nicht geprägt, das zwar harmoniert, aber es kommt zu keiner Befruchtung, weil der Terzel nicht kopuliert oder das Sperma nicht lebensfähig ist. Oft lässt das Weibchen nicht kopulieren. In diesem Fall kann man eine halbe Stunde bis zwei Stunden nach der ersten Eiablage das Weibchen fangen und besamen. Das Ganze soll mit ein paar geübten Handgriffen erfolgen, um das Paar nicht zu lange zu stressen. Die Vögel werden danach gefüttert, dass sie in die Stimulation übergehen.

Die klassische Methode ist es, sehr vertraute Weibchen, die sich durch den Menschen stimulieren lassen, routinemäßig laufend nach der Eiablage zu besamen. Man entwickelt einen gewissen Rhythmus, um den Vogel in Brutstimmung zu halten, bzw. er wird so stimuliert, dass man ihm mehrmals am Tag Futter anbietet, zum Beispiel frisch getötete Wachteln, oder Kleinnager (Hamster, junge Ratten) Bei ganz auf den Menschen geprägten Vögeln aller Arten hat man den Vorteil, dass solche Vögel völlig stressfrei leben bzw. alles ganz normal wegstecken und somit, wenn es sich um ein Männchen handelt, ständig gleichbleibende Spermaqualität zur Verfügung hat. Auch weibliche Vögel, die auf den Falkner so stark geprägt sind legen kontinuierlich ihre Gelege über viele Jahre, ohne den geringsten Schaden davonzutragen. Solche stressfreien Vögel erreichen nicht selten ein Höchstalter von 15-18 Jahren bei Falken, was in der Natur nicht oder nur in Ausnahmefällen vorkommt. 

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Besamung in den Eileiter

Die Sperma-Abnahme erfolgt mit speziellen Kapillarröhrchen, wobei je nach Spermabeschaffenheit die passende Stärke des Röhrchens gewählt wird. Wenn das Sperma überprüft worden ist, wird das Kapillarrohr gekürzt, um es besser handhaben zu können und in eine Gummi-Glaskanüle gesteckt, mit der auch die Übertragung beim Weibchen in den Eileiter erfolgt. Verschmutzungen müssen unbedingt vermieden werden, bzw. es muss eine Reinigung mit Ringerlösung erfolgen.

Bei Falken, Bussarden, Habichten kann die Besamung von einer Person durchgeführt werden, wenn die Technik beherrscht wird. Beim Adler müssen es zwei Personen sein, um den Vogel richtig zu fixieren. Vor allem die richtige Lage des Vogels ist von großer Wichtigkeit, die Füße sind nach oben zu ziehen, um den Eileiter zu fixieren. Bei Adlern wird lauwarmes Wasser mit Ringerlösung vermischt und zur Reinigung der Kloake verwendet, bzw. bei der Untersuchung des Vogels mit dem Finger (nur bei Adler) benötigt. Bei entleertem Darm ist die Besamung leichter durchführbar.

Im Allgemeinen kann die künstliche Besamung nicht über Theorie, sondern nur mit einem erfahrenen Praktiker erlernt werden.

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Vertrautheit ist Voraussetzung

Das sollte einen kleinen Einblick in diese Art der Zuchttechnik vermitteln, denn es ist auch ein ganz wesentlicher Teil, der heute Bestandteil der Falknerei ist.

Leider hat die Besamung auch dazu geführt, dass aufgrund der Hybridzucht in Naturschutzkreisen die Gefahr der Faunenverfälschung immer mehr zum Diskussionsthema gemacht wird. Die Hybridzucht war aber auch sehr wichtig für die Falknerei, da nur mit Hybridzucht den Falknereigegnern die Zucht von Greifvögeln in Falknerhand endgültig nachgewiesen und bestätigt werden konnte. Leider hat die Hybridisierung von Falken für den arabischen Raum weltweit solche Formen angenommen, dass es für die klassische Falknerei bedenklich ist. Hybridzucht zu wissenschaftlichen Zwecken oder zur Arterforschung, bzw. Verwandtschaft der Arten/Unterarten und deren Jagdfähigkeit, war für die moderne Falknerei eine völlig neue Erkenntnis und meines Erachtens sinnvoll und gerechtfertigt

 

Eines muss jedem Falkner klar sein:

Ohne Greifvogelzucht wäre Falknerei heute nicht mehr möglich, die künstliche Besamung hat daran einen ganz wesentlichen Anteil!

 

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