Während die Familie, die Herde und die Jurten 25km in Richtung Berge für das Winterquartier verlegt wurden, arbeitete ich an den Grundlagen. Das Abtragen ist kurz aber sehr intensiv. Obwohl die Kasachen in der Region die Adlerschaukel beim Abtragen verwenden, erfüllt das Reiten mit dem verhaubten Adler, bei dem er ständig balancieren muss und ganz speziell wenn die Armstütze (Baldak) nicht verwendet wird, fast genau den gleichen Zweck. Als nächstes folgte gleich das Haubentraining und das Beireiten zur Faust und zum Fuchsbalg. Traditionellerweise nimmt die gesamte Familie am Abtragen teil und Agression auf Seiten des Adlers ist kein Thema und praktisch unbekannt. In etwas über drei Wochen waren wir bereit für die Jagd.

In den gebirgigen Weiten der Mongolei sind Jagdflüge selten und immer sehr weit. Ein Jagdtag bei dem wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in Gebieten mit hohen Fuchsbeständen unterwegs sind, ergibt in der Regel nur zwischen 1-3 erfolgversprechende Jagdflüge. Um sicher zu stellen, dass mein Adler den Vorgang auch sofort verstand, wurde ein 'make-eagle' (Anm. d. Übersetzers: ein erfahrener Adler als Vorbild), nämlich Kukan's erfahrener, 4 Jahre alter ("Ana" auf kasachisch) Adler, verwendet und mit meinem in Kompanie geflogen.

Bei unserer ersten Jagd wurde sogleich scharf und ernsthaft geritten. Alle paar Minuten stoppte Kukan, um Fuchsfährten im frischen Schnee zu studieren, um uns dann, im Versuch den Fuchs auszutricksen, kreuz und quer durch die gebirgige Landschaft zu hetzen. Bald sahen wir eine ganz kleine Kreatur, die mit hoher Geschwindigkeit ein weit entferntes Tal kreuzte. Ana sprang sofort ab und schwang sich mit kräftigen Schwingenschlägen hoch über das Tal. Mein Adler fixierte die Szene kurz mit den Augen, überlegte einen Moment und folgte Ana nach. Als Ana in einem flachen langen Steilstoss mit den Schwingen zu pumpen begann, um nach einem kurzen Aufsteilen den Fuchs zu schlagen, imitierte mein Adler die Bewegungen und fixierte das hintere Ende des Fuchses. 

Während den folgenden Tagen wurden zwei weitere Füchse auf die gleiche Art und Weise auf die Strecke gelegt und es kristallisierte sich heraus, dass mein Adler mehr und mehr von Ana's Jagdstil abwich und wir ihn dann alleine flogen. Nach mehreren knappen Fehlflügen, bei denen sich mein Magen verknotete und mein Herz bis zum Hals schlug, hatte sie ihren ersten erfolgreichen Flug. Der Fuchs hatte versucht, zu entkommen, indem er mehrmals scharf um einen grossen Stein rannte. Der Adler steilt jedoch auf, schaute über die Schulter und stiess genau im richtigen Moment auf den Fuchs. Ich gallopierte sofort ganz aufgeregt hin und konnte nur mehr vor Freude mit meinen Jagdbegleitern lachen, während ich ihr die Zunge des Fuchses als Atzung gab und sie schliesslich mit einem Hasenschlögel von der Beute abnahm. Zum ersten Mal konnte ich die Kameradschaft dieser Falkner richtig empfinden.

Am nächsten Tag wurde eine "Cheshu" Feier abgehalten. "Wenn ein Kasache mit seinem ersten Eagle seinen ersten Fuchs fängt, ist es ein grosser Tag," erzählte man mir. Auch die Nachbarn kamen und brachten Essen und Vodka, mit dem wir anstiessen und spekulierten ob mein Adler, das sei, was die Kasachen erfürchtig einen "Kiran" nannten...