Mein erster reiner Gerfalke war ein perfektes Beispiel eines gut 'eingestellten' Imprints: kein Lahnen, gute 'Manieren', ein Traum zum Verhauben und wir haben eigentlich nie echte 'Meinungsverschiedenheiten' gehabt. Ich kann gar nicht aufzählen wieviele unzählige Stunden ich damals in diesen Vogel investiert hatte, bevor er aufgrund eines blockierten Esophagus tragisch am Ende seiner zweiten Jagdsaison starb.

"Mulligan" ist mein zweiter reiner Gerfalke, zu dem ich eher unerwartet kam. Einige meiner engen Freunde fragten mich, warum ich mich jetzt doch wieder für einen reinen Ger habe, wo ich mich doch vor dem Tod es anderen schon dafür entschieden hatte, diesen nach der zweiten erfolgreichen Jagdsaison an den Züchter zurückzugeben. Während mein erster Ger-Terzel ein wirklich ausgezeichneter Beizvogel war, kam ich am Ende der zweiten Jagdsaison irgendwie zu dem ehrlichen Schluß, daß ein Ger für mein bevorzugtes Wild (Rebhühner und Enten) eher ein 'Overkill' ist. Mit dem Ger sah die Beize, wenn er auch manchmal nicht ohne Herausforderung war, immer relativ 'leicht' aus, da wenn er seine Beute nicht sowieso bereits aus der ersten Anwarteposition erfolgreich schlagen konnte, er diese 'einfach' ausflog. Das Wild erfolgreich zu schlagen, war mit dem Ger kein Problem, die Herausforderung bzw. das Problem war es, eine wirklich hohe Anwartehöhe zu erhalten, was nur durch viel Aufwand ganz genaue Auswahl der Jagdsituationen möglich war. Trotz allem war ich von der offensichtlichen Intelligenz und der fast Hunde ähnlichen Persönlichkeit des Ger-Terzels sehr angetan. Da ist irgendwie eine gewisse Verbindung mit dem Falkner die ein geprägter Gerfalke eingeht, die ich in all den Jahren eigentlich, mit Ausnahme von Harris Hawks, nicht erlebt hatte. Gerfalken sind wirklich einzigartig in vielerlei Hinsicht und das war letztendlich auch der Grund, warum ich es nicht widerstehen konnte, die Gelegenheit wahrzunehmen, als sie sich mir dieses Frühjahr bot.
24. Tag - eine neue Umgebung ...
Wie erwähnt, ist dies mein zweiter reiner Ger. Die Golfspieler (und ich bin ein besonders schlechter) sind mit dem Begriff "Mulligan", der meinem zweiten Ger-Terzel seinen Namen gab, sicherlich vertraut. In meinem Wörterbuch steht: Mul-li-gan ... ein zusätzlicher Schlag (gegen die Regeln), den ein Golfer seinem Partner erlaubt. Dieser Vogel ist meine zweite Chance, oder wie ich es sehe, das nächste Kapitel mein Leben mit diesem großartigen Greifvogel zu teilen. 
Ich habe bis jetzt noch keinen elternaufgezogenen oder Wildfang geflogen, aber weiß um die große Wahrscheinlichkeit von stressbedingten Gesundheitsproblemen bei Gerfalken.

Idealerweise hätte ich bevorzugt meine neuen Ger als 16-20 Tage alten Vogel zu bekommen. Um bei dem Lufttransport auf Nummer Sicher zu gehen, haben wir ihn dann erst mit 24 Tagen herausgenommen. Die ersten 10-12 Tage wurde der Vogel von Hand vom Züchter aufgezogen und danach, auf meinen Wunsch hin, um in dieser kritischen Zeit in der sie noch nicht selbst kröpfen, wieder von den Eltern aufgezogen werden und außerdem die elterlichen Antikörper (über den Speichel) aufnehmen bzw. zu bilden. Da mein Ziel nicht ein reiner Zuchtvogel ist, wollte ich den Vogel nicht von Anfang an handaufgezogen haben. In der Zeit bis zum ca. 18. Tag in der das Falkenküken noch nicht selbst kröpfen kann, müße man es von Hand füttern, was zu einem späteren Zeitpunkt zu Problemen (Lahnen etc.) führen würde. Meine Falken sind alle Jagdvögel und deshalb will ich einen 'Social-Imprint' und keinen 'Food-Imprint'.


... und ein neuer FreundMit 24 Tagen wurde der Terzel aus dem Horst genommen und direkt per 'Luftfracht' zu mir geschickt. Bei der Ankunft war er mir gegenüber naturgemäß etwas 'reserviert' und benötigte ein bißchen Zeit, um sich zu beruhigen. Die nächsten Wochen würden viel 'gemeinsame Zeit' benötigen ....

Das wichtigste war den Neuankömmling zur selbständigen Aufnahme der Atzung zu bringen und ich 'präsentierte' ihm einen kleinen Teller mit fein geschnittenen Wildentenfleisch (natürlich aufgetaut und aus der vergangenen Beizsaison). Er war anfangs etwas widerwillig und so offerierte ich ihm den ersten Bissen mit dem Finger, den sofort annahm und damit war seine Aufmerksamkeit geweckt. Von diesem Zeitpunkt ließ ich ihn mit der Atzung alleine und es wurde ihm weder Atzung von der Hand angeboten, noch durfte er erkennen, woher die Atzung kam. Ab einem Alter von 30 Tagen oder muß man schon sehr diskret vorgehen, damit der Vogel den Falkner nicht als 'Futterlieferanten' erkennt. Manchmal bringe ich auch das Falkenküken zur Atzung. Die Atzungsschüssel/Teller ist immer gefüllt und meine goldene Regel ist, ihm niemals Atzung wegzunehmen. Auch später lasse ich meine Vögel immer die gesamte auf der Faust angebotene Atzung kröpfen. Auch beim Transfer auf die Faust nach erfolgreicher Jagd ist genau die Menge Atzung auf meiner Faust, die der Vogel auch komplett kröpfen darf. Damit hat er nie das Gefühl, daß ihm Atzung weggenommen wird.


Wie auch bei einem menschlichen Baby in diesem Entwicklungsstadium gibt's für das Falkenküken nur 3 Sachen: Essen, Schlafen und ... Wenn es eine Tatsache gibt, die ich selbst nach 34 Jahren Falknererfahrung noch immer unterschätze, dann ist die unglaubliche Menge an Schmelz, die so ein kleines Falkenküken produziert! Manchmal schmelzt so ein junger Ger mit einer solchen Energie, daß ich mich manchmal frage, ob ich nicht eher einen Waffenschein statt der Falknerlizenz benötige. Dazu kommt noch die Menge an Daunen, mit der man zwei Kissen füllen könnte. Und übrigens: wenn es DEN Test schlechthin für eine Ehe gibt, dann ist es sicherlich der, einen menschengeprägen  Falken im Haus aufzuziehen!

Ich find das Beste was man mit einem menschengeprägten Vogel tun kann, ist sich wirklich ständig mit ihm zu beschäftigen. Dies bedeutet natürlich, daß man den Vogel ständig bei sich oder der Familie hat und zwar in jedem wachen Moment. Da meine Frau und ich berufstätig sind, können wir den Vogel natürlich nicht alleine zu Hause lassen. Glücklicherweise bin ich (bis jetzt) in der glücklichen Lage, meinen Vogel mit ins Büro nehmen zu können - nicht jeder hat dieses Privileg und wenn mein Chef es einmal herausfindet, ich wahrscheinlich auch nicht mehr...

Tag 24 - 30: Der kleine Gerfalke hat sich sehr verändert und aus dem kleinen Daunenball ist ein befiederter Falke geworden. Es sieht so aus, als ob der Falke eher auf der helleren Seite ist. Eine Sache die es zu bewerkstelligen galt war der Transfer in und aus der Transportbox, da ich ihn ja überall hin mitnahm. Gerfalken mögen es nicht so gerne, wenn man sie einfach mit der Hand aus der Box herausnimmt. Um zu vermeiden, daß die Vertrauensbasis durch unnötiges Aufheben des Vogels von Hand negativ beeinflußt würde, kippte ich einfach die Box zur Seite und bugsiere in vorsichtig hinein ohne ihn mit der Hand zu fassen. Danach wird die Box einfach wieder vorsichtig aufgerichtet und los geht die Reise. Ist zwar nicht gerade perfekt oder besonders elegant, aber es funktioniert ganz gut. 
Ansonsten wird der Vogel immer ruhiger und schläft schon ab und zu neben mir beim Fernsehen auf der Sofalehne. Normalerweise beginne ich Imrints mit 24 an die Haube zu gewöhnen. Die Haube wird aber erst so ab dem 28 Tag oder später geschlossen. Das Einzige was mir an diesem Ger auffällt ist, daß er nicht so verspielt wie mein letzter ist.

Tag 28: Der kleine Falke lernt erstmals das Federspiel kennen und erhält ein ganzes abgezogenes Rebhuhn am Federspiel. Ab dem 33 Tag wurde der Vogel von ständig präsenter Atzung auf 4x füttern pro Tag umgestellt. Ich lege Wert darauf mich neben dem Vogel hinzulegen, während er atzt. Meine Präsenz ist damit für ihn bei der Atzungsaufnahme normal und wird nicht als Bedrohung angesehen. Die Gewöhnung an meine 3 Hunde geschah übrigens sowieso vom ersten Tag an. Jedoch versuche ich zu vermeiden, daß sich der Falke nicht auf die Hunde prägt und limitiere die gemeinsame Zeit ein wenig. Der junge Falke ist schon selbstbewußt genug, dem jungen Drahthaar einen kurzen 'Liebesklapps' zu geben, wenn er zu nahe kommt.

Tag 34: Der Falke wird zusehends mobiler und sein 'Territorium' ist nicht mehr nur auf seine Schachtel beschränkt. Er beginnt jetzt auch immer öfters durch Schwingenschlagen seine Flugmuskulatur zu trainieren. Im Freien lasse ich ihn meistens in einem mobilen Hundekäfig, der ihm genug Freiheit gibt und ihn gleichzeit beschützt. Als Unterstand vor den Elementen, vor allem der direkten Sonne, dient eine umgekippte Plastikbox.

Tag 35: Der Falke ist erkennbar zahmer als angenommen. Ab jetzt beginnt er viel zu spielen und sein neuer bester Freund ist ein Tennisball. Den Abend verbringt der Vogel für gewöhnlich mit der Familie und manchmal schläft er auch auf meinem Arm. Damit meine Hände nicht als Bedrohung gesehen werden, wird er oft am Rücken gestreichelt.

Tag 39: Ein kleines Desaster ist passiert. Während der Falke im Freien war, habe ich ihn etwas länger als gewöhnlich draußen gelassen, weil wir Freunde zum Abendessen eingeladen hatten. Während es immer dunkler wurde, wurde er anscheinend etwas ängstlich und versucht durch das Gitter in Richtung Haus zu gelangen. Dabei rieb er sich einige der neuen Federn an der Kehle ab. Zuerst sah es schlimmer aus, aber nach einer Reinigung und Desinfektion der aufgeschürften Stelle, war alles wieder in Ordnung. 
Mittlerweile läßt sich der Vogel auch schon prima verhauben und er protestiert auch nicht mehr, wenn ich die Haube schließe. Fast alle Federn sind jetzt komplett, nur bei den Staart Pennen und ein paar Schwungpennen fehlt noch ein Stück.

Tag 40: Heute bekommt der Vogel sein Geschüh. Vielleicht ein Woche später als notwendig, aber entgegen meinen Erwartungen war ihm das Geschüh vollkommen egal. Ich starte die Anbindehaltung normalerweise langsam mit einer 'Bungee-Leash' (Gummi-Langfessel), um zu vermeiden, daß sich die noch in Entwicklung befindlichen Hände und Ständer verletzen. Mittlerweile steht der Vogel schon prima auf der blosen Hand und er erlernt auf die Faust zu steigen. Von diesem Zeitpunkt an beginne ich, ihn auch herumzutragen.

Tag 42: Seine Daunen sind fast vollkommen weg und sein Staart ist zu 2/3 geschoben. Heute hat er erstmals versucht zu fliegen, aber es klappt noch nicht ganz und so ist er mit dem Hinspringen auf das geworfene Federspiel zufrieden. Er sieht mittlerweile sehr hell aus. Ich füttere zusehends öfter am Federspiel und seine Diät besteht aus Erdhörnchen, Kleinvögeln und Wachteln. Meine Wildenten und Rebhuhnvorräte der letzten Saison sind bereits zu Ende....

 

Tag 45: Wie es manchmal eben kommt, wenn man einen geprägten Vogel aufzieht, wird die tägliche Routine doch das eine oder andere Mal unterbrochen. Wegen einer Veranstaltung am 27./27. Juni mußte ich für 3 Tage in die Vereinigten Staaten reisen. Leider konnte ich den Ger-Terzel nicht mitnehmen, da die Grenzformalitäten für den Vogel über einen Monat im voraus erledigt werden müssen. Glücklicherweise konnten meine Frau und mein Sohn dafür garantieren, daß die tägliche 'face-time' mit dem Terzel nicht unterbrochen wurde, währende ich unterwegs war. Ständige Anrufe zu Hause stellten auch sicher, daß genug Atzung verabreicht wurde und daß ich mich etwas 'wohler fühlte', ihn 'alleine' gelassen zu haben.

Tag 48: Der Falke schaut jetzt endlich mehr einem Falken ähnlich als einem Knäuel loser Federn. Er läßt sich perfekt verhauben und verbleibt bereits mehrere Stunden verhaubt, um sich noch weiter daran zu gewöhnen. Er akzeptiert das Verhauben als teil seiner täglichen Routine. Er scheint den Hunden noch nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit zu schenken, wird aber sicherlich den jungen Drahthaar in die Schranken weisen, wenn er zu nahe kommt.

Tag 50: Er kann wahrscheinlich schon fliegen, wenn er sich traut. Man kann schon Zeichen der Fluglust erkennen, also ist die Zeit gekommen die Rückenmontage für die Telemetrie anzulegen. Ebenso darf ich nicht vergessen, ihn sobald wie möglich an den Drachen zu gewähnen, da dies der nächste Schritt in seiner Entwicklung sein wird und seinen Focus für den zahmen Wildflug darstellen wird. Seltsamerweise nimmt er auch weniger Atzung auf - so wenig, daß ich fürchte, daß er Hunger bekommt und damit der Atzung mehr Aufmerksamkeit bzw. Priorität als ich möchte. Trotzdem wiegt er noch immer 1239gr. Ich gebe ihm erstmals einen Vorlaß, den er sofort fängt und abnickt, um ihn dann in typischer Manier eines nicht hungrigen, menschengeprägten Gerfalkens einfach liegen zu lassen.
Die Rückenomontage wird 'eingeputzt'
Tag 51: Heute installiere ich die Rückenmontage. Ich verändere den zu vernähenden Kreuzungspunkt der Teflonbänder solange bis er perfekt paßt, klemme die Enden am Rücken nur provisorisch fest und lasse ca. 2cm des Bandes noch dran, um eventuell noch etwas Spielraum zu haben, falls notwendig. Dann wird er vollkommen mit Wasser eingesprüht und auf dem Block gestellt, wo sofort mit dem Putzen beginnt. Nach einiger Zeit sind die Teflonbänder komplett im Gefieder verschwunden. Die Montage sitzt für meinen Geschmack noch einen Tick fest, aber ich widerstehe der Versuchung es etwas lockerer zu machen. Sein Gewicht ist wieder ein bißchen nach unten gegangen. Trotzdem bevorzugt er noch immer das leichterer Fleisch einer Wachtel gegenüber einer Wildtaube.

Tag 52: Die Rückenmontage ist vollends und unsichtbar ins Gefieder geputzt - was anfänglich etwas zu fest aussah, paßt jetzt absolut perfekt. Ein letzter Check mit dem Zeigefinger, ob er auch noch unter die Aufnahme der Telemetrie am Rücken paßt und die Montage wird vollends mit der Crimpzange geschlossen und mit einem Tropfen Epoxy permanent versiegelt. Ein bißchen Speisesoda auf den noch feuchten Epoxytropfen damit keine Federn daran kleben und fertig! Dann klicke ich den Sender in die Rückenmontage ein und lasse ihn über Nacht drauf, um zu sehen wie er ihn toleriert. Wie erwartet, beachtet er ihn nicht mal und akzeptiert ihn als Teil des Gefieders. Normalerweise lasse ich den Sender die gesamte Saison am Vogel und nehme ihn nur für wenige Minuten zum Batteriewechsel ab.

Tag 53: Es ist Zeit den Drachen ins Spiel zu bringen. Ich stelle den Vogel am Block in den Garten und lasse den Drachen ca. 25m über ihn steigen. Wie erwartet schimpft der Falke anfangs ein bißchen. Nach einer halben Stunde oder so, ignoriert er den Drachen vollständig.

Tag 54: Sein Gewicht ist auf 1200gr gefallen und er scheint sein Gewicht jetzt gut selbst zu regulieren. Ich finde es wichtig mich für einige Zeit mit dem Vogel zu beschäftigen, bevor er Atzung erhält - speziell dann, wenn er mich einige Stunden nicht gesehen hat, oder ich in der Arbeit war. Sein Verhalten ist perfekt und er akzeptiert das Streicheln des Gefieders während er auf dem Federspiel aufatzt. Ich gebe ihm auch kleine Häppchen mit den Fingern, damit er lernt meine bloße Hand zu akzeptieren, während er atzt.
Freiflüge mit Sender als ständigem Begleiter
Tag 55: Er fängt an zu fliegen anstatt nur 'herumzu hopsen'. Für mich ist es immer wieder lustig zu beobachten, wenn ein Falke das Fliegen lernt und seine 'Sensoren' mit neuen Eindrücken überwältigt werden. Das Wichtigste ist es anfangs, daß er in meiner Nähe bleibt. Atzung ist wie gesagt nicht seine Bindung an mich, sondern die aufgebaute soziale Bindung und sein Wunsch in meiner Nähe zu sein. Ich lebe in einer sehr offenen Landschaft und der Himmel in Alberta ist weit. Je schneller er auf den Drachen eingestellt ist, desto sicherer und besser. Es gibt viel Wild in meiner Gegend und der junge Falke ist sehr verspielt und voller Energie. Meine Hauptversicherung ist natürlich die Telemetrie.

 

Wir haben vielleicht kältere Winter hier, aber die Sommer sind vom Klima her nicht anders als in den meisten Teilen Mitteleuropas, deshalb ist das Training des Gerfalken während dieser Zeit auf die kühleren Stunden am Morgen und spät am Abend beschränkt. Die zeitliche Koordinierung (auf Neudeutsch 'Timing')ist für die natürliche physische und mentale Entwicklung sehr wichtig, deshalb würden wir uns wahrscheinlich alle während diesen Phasen kühlere Temperaturen wünschen, damit der Vogel sich besser 'konzentriert' und auf das Training focussiert.
Ger fängt das Drachen-Federspiel
Mein Ziel ist es den Vogel, der zu dieser Zeit voll von ungehaltenem Unternehmungsgeist ist, bei seiner mentalen Entwicklung und 'Selbstverwirklichung' zu unterstützen. Das ist natürlich leichter gesagt, wenn es über 30 Grad hat und man den geprägten Vogel eher 'auf Appetit' fliegen will und ihn nicht mit dem Gewicht etwas reduzieren kann....

Tag 56-62: Diese Woche verbringt der Vogel im zahmen Wildflug. Da er anfangs in meinem Garten auf den Drachen geflogen werden wird, soll er eine gewisse Vertrautheit und Bindung zu dieser Gegend aufbauen. Trotzdem bin ich vorsichtig, da ich nicht möchte, daß der Vogel sich daran gewöhnt am Zaun oder am Hausdach zu sitzen. Ich habe 11 Nachbarn von denen jeder ca. 2 Hektar Garten ums Haus hat. Diese Nachbarschaft erkundet der Vogel während des Tages und verfolgt ab und zu allerlei Kleinvögel zum Spaß. Meine Arbeitszeit ist sehr flexibel, deshalb versuche ich auch gerade in dieser Woche so viel Zeit wie möglich mit dem Falken zu verbringen. Es ist natürlich auch genau die Zeit des Jahres in der die Kinder bei allerei Sportaktivitäten beschäftigt sind und nicht immer jemand zur Hand ist, den Aufpasser zu spielen. Besonders wichtig für mich ist, daß ich mich für einige Zeit dem Vogel widme sobald ich nach Hause komme. Das begrüßende Lahnen des Vogels kann leicht als Hunger-Lahnen interpretiert werden, drückt jedoch die Freude über 'Wiedersehen' aus - es ist fast genau gleich wie bei den Kindern. Erst wenn sich der Vogel wieder beruhigt hat und das Lahnen komplett aufgehört hat, kann der Focus wieder auf die Atzung gebracht werden - ich will auf keinen Fall, daß der Falke mein Erscheinen mit Futter in Verbindung bringt. 

Tag 63-68: Ich muß nach England zur IAF Jahresversammlung und zum Falknerfestival. Es fällt mir sehr schwer genau jetzt auf diese Reise zu gehen, da es ein kritischer Zeitpunkt in der Entwicklung des geprägten Falken ist. Gottseidank hat meine Nicht-Falkner-Ehefrau mehr Erfahrung als die meisten Falkner, sodaß ich mir sicher sein kann, daß kein Tag ohne die notwendige Beschäftigung mit dem Vogel und die Vermeidung von Futter-Assoziation vergeht. Als ich wieder zurückkomme, ist das Gewicht des Vogels perfekt und er zeigt keinerlei negative Zeichen....

Tag 69: Heute beginnen die Lektionen mit dem Drachen. Gerfalken brüten viell früher als die meisten Vögel, was in der Tatsache resultiert, daß die jungen Falken fertig zum Fliegen sind, bevor die offizielle Jagdsaison eröffnet ist. Sogar mit unseren verlängerten Jagdsaison-Zeiten vom 15. August - 31. May, ist der Gerfalke bereits 6-8 Wochen vorher flugbereit. Hier bietet sich der Drachen als hervorragende Hilfe zur Konditionierung an. Schon einige Tage vor meiner Abreise nach England, habe ich den Drachen über den aufgeblockten jungen Falken in den Wind gestellt, damit er sich daran gewöhnen kann. Jetzt, da er zum am Drachen aufgehängten Federspiel fliegen soll, tut er es sofort und ohne Probleme beim ersten Versuch in ca 10m Höhe. Er erhält natürlich seine gesamte Atzung auf diesem Federspiel. Beim zweiten Versuch stellte ich den Drachen auf ca. 20m fliegt holt der Falke so weit über die Nachbargärten aus, daß ich den Drachen, damit er ihn auch sehen kann auf ca. 40-50m höher stellen muß, bevor er zurückkommt und das Federspiel fängt. Damit beende ich den ersten 'Drachentag'.
Erster 'Beizerfolg' - ein Kleinvogel
Tag 70: Während des heutigen Drachentrainigs besuchen uns zwei wilde Prairie-Falken und ich schaffte es sogar einige nette Fotos zu schiessen. Einmal dachte ich sogar, daß die Prairiefalken das Federspiel fangen würden, aber schließlich war es dann doch meinem Gerfalken vorbehalten dies zu tun. Einige Minuten nachdem er am Federspiel aufgeatzt hatte, spie er den gesamten Kropf wieder aus. Ich wartete eine Weile und atzte ihn nochmals auf und alle war wieder ok. Wahrscheinlich war es einfach nur die Kombination aus Erschöpfung von der Trainingsanstrengung  und der Hitze. Trotzdem will ich den Vogel auf Coccidiose überprüfen.

Tag 71: Bei Sonnenaufgang ist es relative kühl mit einer netten Brise. Ich stelle den Drachen auf 50m, aber der Falke tut sich schwer die Höhe zu erreichen. Sein Gewicht ist 1155gr, also nehme ich an, daß er noch immer etwas 'rund', aber trotzdem die Höhe erreichen sollte. Ich vermeide es sein Gewicht zu reduzieren und hoffe, daß er sein  Gewicht selbst reguliert. Das warme Wetter nimmt dem Vogel den Appetit und nimmt ihm auch etwas die Energie und den Enthusiasmus. Ich lasse ihn schließlich das Federspiel auf 25m fangen und atze ihn auf. Coccidiose hätte genau die gleichen Symptome, aber ein späterer Test ist gottseidank negativ.

Tag 72: Der Falke zeigt Anzeichen von Besitzgier und Manteln am Federspiel. Ich bin mir nicht ganz sicher warum. Da sein Gewicht noch immer 1150gr ist und ihm NIEMALS Atzung weggenommen wurde, vermute ich irgendwelchen anderen unterschwelligen Auslöser. Wilde Gerfalken zeigen ein ähnliches Verhalten am Horst, aber mein voriger geprägter Gerfalke zeigte diese Verhaltensweise nicht. Ich verlängere die Drachen-Federspielschnur auf 10m und bleibe in dieser Entfernung, nachdem er das Federspiel gefangen hat und atzt. Ich nehme ihn erst auf, wenn er vom Federspiel heruntersteigt. Seltsamerweise fängt der Vogel leicht zu lahnen an.

Tag 74: Das Lahnen hat zugenommen. Keine Ahnung warum, aber ich nehme an, daß es verschiedene kleine Auslöser gab. 

Tag 78: Obwohl der eine Wachtel am Morgen und eine am Abend bekommt, pendelt sich das Gewicht bei 1170gr ein. Er ist ein etwas größerer Gerfalke als mein letzter. Er jagt jetzt auch immer öfter kleine Vögel an und fängt auch einige, die er gleich verspeist. Das Drachentraining dauert für die nächsten 3 Wochen bis die Jagdsaison aufgeht an. Bis dahin erhält er auch mehr und mehr Vorlässe. Dann wird er langsam vom Drachen entwöhnt und wir versuchen die ersten jungen Grouse und Rebhühner.


Tag 90: Das Drachentraining ist zu einem Fixpunkt in seinem Kopf geworden. Rückblickend vermute ich, daß ich dem Vogel einfach nicht frühe und genügend Vorlässe gegeben habe und denke, daß dies der mögliche Grund für sein Manteln und leichtes Lahnen ist. Er muß einfach 'erwachsen' werden. Während mein primäres Ziel war, einen sozial-geprägten Vogel zu 'produzieren', habe ich vielleicht doch etwas zuviel Zeit mit der sozialen Interaktion mit dem Vogel aufgewendet, anstatt ihm etwas mehr Zeit seine Jagdinstinkte zu entwickeln zu geben. Klarerweise ist jeder Vogel anders, aber ich sehe das leichte Lahnen als einen Fehler meinerseits. Meine Hoffnung ist, daß das Lahnen aufhört, sobald er regelmäßig erfolgreich fängt und mental reift. Nach mehreren Gesprächen mit Falkner-Freunden bestätigen sich die meine Vermutungen und Erfahrungen. 

 

Fortsetzung folgt ....